© Fotoarchiv Helena Melikov

Liebe Schwester,

von Charlotte Kunstmann

Diese Sommer mit Dir auf dem Hof unserer Großeltern, ich zehre bis heute von ihnen. Ich habe sie alle eingeatmet und aufgesogen, für die langen Winternächte, für die Tage in Krankheit oder in Trauer. Wenn ich an unsere Sommer auf dem Land denke, dann rieche ich wieder die Lagerfeuer, den Stallgeruch und das frischgemähte Heu, das am Ende unserer Ferien eingeholt werden musste. Du standest oben mit Großvater auf dem Schober und hast kräftig mitangepackt und beim Stapeln der Ballen geholfen. Deine Augen tränten dabei, deine Arme waren zerkratzt, aber es machte Dir nichts aus. Ich fegte am Ende die heruntergerieselten Halme in die Pferdeboxen. Heustaub funkelte im Abendlicht, das durch die Ritzen des Stalls fiel. Deine Lieblingskatze war Max, ein grauer Kater. Er schlich sich heimlich abends zu uns in die Kammer und in dein Bett. Ich schwieg darüber. Großmutter wollte keine Tiere im Haus. 

 

Morgens dampften die Felder. Müde standen die Kühe auf den Wiesen; als braun-weiße Flecken gruppierten sie sich im Schutz der Eichenbäume.

 

An heißen Tagen der vorbeifliegenden Raps und deine schweren Tritte in die Pedale von Großmutters Rad, immer den Feldweg hinauf, bis zum See. In den Steg hatten wir unsere Namen geritzt. Ich saß auf dem Hinweg auf dem Gepäckträger, die Tasche voll Proviant und Du dann auf dem Rückweg, bergab-rollend bis zum Hof.

 

Großvater stand abends rauchend unter dem Kirschbaum, hinten, im Garten beim Brunnen, den Dreck seiner getanen Arbeit unter seinen Nägeln. Jede Furche in seinem Gesicht war eine Geschichte. Stets hingen wir an seinen Lippen, wenn er zu erzählen begann. Wir hängten unsere nassen Handtücher über die Leine und halfen dann Großmutter; die schälte Kartoffeln. Die Schalen wurden in Butter getränkt und dann knusprig gebraten. Dazu Möhren und Erbsen aus dem Garten. Ich deckte den Tisch und faltete die Servietten. Du wuschst den Salat über der Spüle gründlich und ich fand trotzdem eine kleine Schnecke auf meinem Teller. Nie wieder schmeckten Kartoffel mit Quark so gut.

 

Der schiefe Kirschbaum unter dem wir aßen, er war unser süßes Himmelstor. Manchmal saßt Du im Baum und hast dort stundenlang gelesen, so kam es mir zumindest vor. Waren alle Kirschen vom Baum gepflückt, waren die Ferien zu Ende.

 

Jedem Kind wünsche ich solche Sommer und wenn es nur einer wäre. Ich hoffe Du zehrst genauso davon, wo immer Du auch bist.

Summertime Madness Summer Edition 2022

Die Wiedergeburt

An dem einen Ufer. An dem Anderen. An dem Ufer des Flusses. An den Ufern von Seen. Die Gewässer trennen und verbinden. Die Ufer sind das Ende und der Anfang. Das Wasser ist der Anfang und das Ende.

Weiterlesen »

Weitere Texte von Charlotte

Du bist mein Wind

Ich lebe in einer singenden Stadt.

Ich bin umgeben von Tönen, Tag und Nacht.

Der Wind hier, der ist anders, als der in meiner Heimat.
Er flötet und pfeift meist leise und feige.

Weiterlesen »
Ohrwürmer

Mit singenden Würmern in den Ohren
und zur Kakofonie der Ketten unter meinen Fingerkuppen,
pendle ich im Gleichtakt
den Schlüssel des Lebens entlang

Weiterlesen »